Drive – The Cars

(Drive – ein Hit der „The Cars“ von 1984, den viele von Euch sicherlich schon einmal gehört haben)

Schon seit Frühjahr letzten Jahres fand sich immer wieder ein kleines, abgegriffenes Heftchen auf der Ablage (oder dem Spülkasten) in unserem Bad – das „California Driver Handbook (CDH)“ des DMV (Department of Motor Vehicles: entsprich der Zulassungsstelle in Deutschland, stellt allerdings auch Fahrprüfer), in dem wir immer mal wieder quer gelesen hatten, um uns mit den hiesigen Gewohnheiten im Straßenverkehr vertraut zu machen.

Es war lange nicht klar, ob wir den kalifornischen Führerschein für unseren Aufenthalt machen müssten. Um uns abends in Bars auszuweisen (das müssen scheinbar alle machen), wäre dieser vielleicht hilfreich, allerdings wurde auch immer unser deutscher Führerschein akzeptiert. Laut CDH dürfen „Adults visiting California“ mit gültigem Führerschein Ihres Heimatlandes in Kalifornien Auto fahren. Wir konnten mit unseren deutschen Führerscheinen unser Auto kaufen und haben es versichert und angemeldet bekommen. Aber in der genauen Definition der „Adults visiting California“ liegt der Hund begraben. Wie lange gilt man denn als Visitor? Ab wann gilt man als Resident im Sinne der Straßenverkehrsordnung? Wir gelten wohl als „non-residents for tax purposes“, obwohl wir wohlgemerkt keinen Dollar aus den USA erhalten, davon aber an anderer Stelle mehr. Brauchen wir dann dann doch den kalifornischen Führerschein? Das alles sind Fragen, die eng verknüpft sind und für die wir bisher von keiner Seite eine klare und schlüssige Auskunft erhalten haben.
Nun kam es, wie es kommen musste: unsere Versicherung hatte sich lediglich bereit erklärt, das Fahrzeug für bis zu einem Jahr ohne kalifornischen Führerschein zu versichern – das war uns erst einmal so nicht bewusst gewesen. Und so trudelte Ende letzten Jahres ein Brief bei uns ein mit der Aufforderung, bis Ende Februar kalifornische Führerscheinnummern nachzureichen, da das Fahrzeug sonst nicht weiter versichert hätte werde können. Damit wurde uns die Entscheidung merklich erleichtert, uns doch intensiver mit dem CDH auseinanderzusetzen und Termine für unsere theoretische Prüfung beim DMV zu vereinbaren; ein Termin zur eigentlichen Fahrprüfung wird dann direkt nach erfolgreich bestandener Theorieprüfung festgelegt. Inge hatte sich nach unserer Rückkehr aus Deutschland direkt auf der Homepage des DMV informiert, was wir zur Anmeldung alles mitnehmen müssten. Und das war dann doch gleich ein ganzer Haufen Unterlagen:

  • 33 $ (Führerscheingebühr)
  • DL-44 (Antrag auf Führerschein)
  • Reisepass
  • DS-2019 (unser allgegenwärtiges Formular mit Laufzeitbestätigung und Aufenthaltserlaubnis für die USA)
  • I-94 (Einreisebestätigungsformular)
  • Sozialversicherungsnummer (hatte ich für mich vor wenigen Wochen auch mal beantragt)
  • Mietvertrag, Gas/Elektrizitätsrechnung, Müllrechnung (zum Nachweis des Wohnsitzes in Kalifornien)
  • Heiratsurkunde mit Apostille; diese hatte nur ich benötigt, da die Versorgungsrechungen auf Inges Namen laufen
  • (Theorieprüfung: 36 Fragen, maximal 6 Fehler, immer nur eine richtige Antwort möglich)
  • (Fahrprüfung: etwa 30 min, 15 geringfügige Fehler erlaubt, Fahrt im lokalen Gewerbe-/Wohngebiet, kein Highway, kein Einparken, lediglich gerades Rückwärtsfahren. Bei diesem Prüfungsumfang wundert es mich nicht, dass Parkplätze oftmals so groß sind, dass man bequem vorwärts ein- und ausparken kann. Rückwärts Einparken parallel zum Straßenrand gehört schon zu den exotischen Fahrweisen. Unser Toyota Sienna ist wohlgemerkt über 25 cm länger als unser alter T4 mit kurzem Radstand.)

Zudem hatte sie für sich direkt einen zeitnahen Termin zur theoretischen Prüfung beim DMV online vereinbaren können – mal wieder ein „Happy Accident“, wie man hier so schön sagt. Da sie unwissenschlich (aber nicht ganz richtig) Apply for a California driver license and already have a driver license from another state (nicht country) und nicht Apply for an original driver license ausgewählte, hatte sie gleich wenige Tage später und nicht erst Ende April oder im Mai einen Termin erhaschen können. Ich habe mir dann ein paar Tage später als Nichtmutterspracher den gleichen „Fehler“ erlaubt, um nicht mehrere Monate warten zu müssen.

Fahrprüfung
Schlange stehen und Warten auf den Fahrprüfer beim DMV

Nach „intensivem Querlesen“ im CDH – wie Inge ihren Lerneinsatz beschreiben würde -, ein paar Online-Theorietests und ein etwas bewussteren Autofahrten hat sie dann auch mit Bravour beide Tests bestanden – aufgrund der Müllabholung an ihrem Prüfungstag musste sie allerdings auch nicht parallel zum Straßenrand rückwarts fahren ;-). Während der Fahrprüfung wurden unsere geringfügigen (und wohl gegebenenfalls auch schwerwiegende) Fahrfehler auf dem sogenannten „Driving Performance Evaluation Score Sheet“ detailliert festgehalten, den man im Original dann mitnehmen darf (folgendes Foto); 15 dieser geringfügigen Fehler (Spiegel-/Schulterblick vergessen, Geschwindigkeit überschritten, falsch geblinkt (was auch immer das bedeuten mag), ruckartig angefahren/gebremst, Abstand zum Vorausfahrenden beim Anhalten ) sind erlaubt.

Driving Performance Evaluation Score Sheet
Fahrprüfung bestanden (unsere Driving Performance Evaluation Score Sheets)

Ich muss gestehen, dass ich etwas Bammel vor der Praxisprüfung hatte, da ich bei meiner ersten Fahrprüfung in Deutschland vor ziemlich genau 20 Jahren erst einmal durchgefallen bin; ich hatte wohl ein Stopschild an einer Waldkreuzung „überfahren“. Ich hätte nie gedacht, dass eine solche Erinnerung nach 20 Jahren wieder so präsent sein könnte. Die Wiederholung hatte mich damals allerdings leider auch erheblich mehr als 6 $ gekostet, die hier fällig würden. Trotz der ganzen Aufregung hat es dann letztendlich doch sehr gut geklappt und wir haben nun beide kalifornische Führerscheine (bisher nur vorläufige Fresszettel), deren Gültigkeit an unsere Visa gekoppelt ist. Wir sind gespannt, ob wir die scheckkartengroßen Führerscheine noch vor unserer bisher geplanten Rückreise im Herbst rechtzeitig erhalten werden. Es hieß nach bestandener Prüfung, dass die Auslieferung bis über 6! Monate dauern könne.
Sandra und Martin in Australien hatten ihre neuen Führerscheine bereits nach wenigen Tagen erhalten, wie mir Martin via WhatsApp freudestrahlend belegt hatte!

Hier die wichtigesten Unterschiede zum Straßenverkehr in Deutschland

  • Rechtsabbiegen an roten Ampeln ist in CA nach STOP an der Haltelinie, sofern nicht ausdrücklich ausgeschlossen, erlaubt; das gilt auch beim Linksabbiegen von einer mehrspurigen Einbahnstraßen wie zum Beispiel in San Francisco
  • In Wohngebieten gibt es viele Kreuzungen mit „4-way Stop“ (Stopschilder an allen Kreuzungszugängen): wer zuerst kommt (und stoppt!), fährt zuerst, egal in welche Richtung. Das hindert zwar etwas das flüssige Fahren (entgegen einem Rechts-vor-Links, bei dem man ja nicht unbedingt stehen bleiben muss), ermöglicht aber auch bei starkem Verkehr ein unproblematisches Abbiegen nach links.
  • Es gibt teils mittlere Fahrspuren, die zum Abbiegen in beiden Fahrtrichtungen genutzt werden (Center Left Turn Lane): man ist angehalten, im dichten Verkehr dort nur, wenn überhaupt, wenige 100 m zu fahren, um Unfälle zu vermeiden.
  • Autobahnfahrt: „Drive in the lane with the smoothest flow of traffic. If you can choose among three lanes, pick the middle lane for the smoothest driving.“ Laut CDH gilt hier in Kalifornien also Spurhaltegebot, nicht Rechtsfahrgebot, auch wenn vermehrt darauf hingewiesen wird, dass man bei langsamerer Fahrt auf die rechte Spur wechseln solle, was kaum ein Einheimischer macht. Als Resultat ist auf Autobahnen mit mehr als 3 oder mehr Spuren die äußerst rechte fast immer leer, wohingegen auf den anderen Spuren die Autofahrer, meist versetzt, eine sehr ähnliche Geschwindigkeit fahren. Da das Überholen rechts nicht verboten ist, sehen Überholmanöver über mehrere Spuren manchmal schon sehr abenteuerlich aus.
  • Es gibt keine Beschleunigungsspur am mehrspurigen Highway; man muss sich im dichten Verkehr mit der passenden Geschwindigkeit unmittbar einordnen.
  • Carpool Lane: da die meisten Familien zwei Autos (oder mehr) besitzen, sind mehr noch als in Deutschland in fast allen Fahrzeugen einzelne Personen unterwegs- nicht nur zur Pendlerzeit. Um die Attraktivität gemeinsamer Fahrzeugnutzung zu steigern, gibt es vielerorts auf mehrspurigen Free-/Highways sogenannte Carpool Lanes (meist die linken 1-2 Spuren), auf denen zu angegebenen Zeiten lediglich Fahrzeuge mit mehr als einer Person (Mindestzahl ebenfalls auf Schildern angegeben) sowie Elektrofahrzeuge fahren dürfen. Gerade zur Rush Hour ist deren Nutzung äußerst attraktiv, um ohne längere Wartezeit neben den mehrspurigen Fahrzeugkarawanen vorbeizukommen.
  • Anfahren am Berg ist mit Automatikgetriebe und ausreichend Motorleistung (unser Toyota Sienna V6 hat >230 PS) übrigens nicht mal in San Francisco bei teils abenteuerlichen Steigung von über 30 % wirklich schwierig; auch dort ist an vielen Kreuzungen in Wohngebieten der Verkehr mittels 4-way Stop-Schildern geregelt.
  • Um die Mautgebühr für die Brücken über die Bucht und die Golden Gate Bridge (FasTrak, zwischen 4-7 $, eine Richtung zu entrichten) automatisch zu bezahlen und nicht mit Bargeld an einem der Mauthäuschen aufgehalten zu werden, habe ich schon früh ein sogenanntes „FasTrak toll tag“, ein mobiles Mautgerät (kleines weißes Kästchen) besorgt, das an der Windschutzscheibe hinter dem Rückspiegel angebracht wird und mit Hilfe dessen das Fahrzeug bei jeder Durchfahrt einer Mautstation automatisch registriert wird – man spart Mautgebühren, es kostet nichts und der Restbetrag wird nach Rückgabe des Gerätes wieder zurückerstattet. Ohne dieses Gerät würden Mautgebühren für die Golden Gate Bridge – wohlgemerkt nur 7,50 $ – auf postalischem Weg auf Basis des Nummernschildes beim Fahrzeughalter eingefordert!
  • Um Staus zu umfahren und die jeweils günstigste Fahrroute bei mehreren zur Auswahl stehenden 4-5 spurigen Highways in der Gegend zeitnah zu ermitteln, nutzen wir eigentlich immer die Navigationsfunktion von Google Maps. Das gilt nicht nur für längere Fahren Richtung San Francisco, Berkeley oder über eine der Brücken der Bucht. Selbst hier im Silicon Valley bietet sich das zu Stoßzeiten an.
  • Es gibt kein Äquivalent zur technischen Fahrzeugprüfung durch den TÜV; außer beim Abgastest/Smog Test (wiederkehrend sowie bei Veräußerung) müssen private Fahrzeuge nicht geprüft werden. Entsprechen fahren ziemliche Schrottschüsseln auch hier in der Gegend rum. Der Halter haftet natürlich im Unfallfall. Ferner gibt es abenteuerliche Fahrzeugkonstrukte und auch viele überstehende Breitreifen – ähnliche Fahrzeuge deutscher „Tuner“ würden sofort stillgelegt werden. Es werden auch keinerlei An-/Umbauten geprüft geschweigedenn irgendwo eingetragen.

[Benjamin Butz]