Silicon Valley / nicht alles Gold, was glänzt

Auch wenn wir hier in Menlo Park in einer USA-untypischen, scheinbar heilen Welt leben, so beschäftigen uns die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Europa aber auch hier in den USA doch seh. Nachdenklich verfolgen auch wir Nachrichten zu den euopaweiten Überflutungen, zur Entwicklung der Flüchtlingsthematik sowie dem Verhältnis zur Türkei, zur knappen Wahl in Österreich, zum anstehenden Brexit-Volksabstimmung… Auf der anderen Seite steht hier im Land die wichtigste Wahl an, deren Vorwahlen ja schon sicherlich bei dem einen oder andern von Euch Stirnrunzeln und vielleicht auch Schmunzeln ausgelöst haben. Können wir hoffen, dass es beim Schmunzeln bleiben wird.

Freudig blicken wir natürlich auf die anstehende EM und auf Public Viewing im International Center der Uni!

Unsere persönlichen Erfahrungen hier im Silicon Valley – in unmittelbarer Nachbarschaft zu hunderten der höchstbewerteten Hightech-Unternehmen weltweit (Karte mit Unternehmen) -, der Einblick durch neue Freunde und Nachbarn sowie die Tageszeitungen haben vieles bestätigt, was über diese Gegend berichtet wird.

Schulsystem: durch private Spenden gehörigen die öffentlichen Schulen der Gegend zu den besten der USA und können in Rankings mit Privatschulen mithalten. Davon profitieren wir und unsere Töchter natürlich ungemein, da einerseits Schulgebühren entfallen und auf der anderen Seite die kleinen Klassen sehr gut ausgestattet sind. Zur schnelleren (sprachlichen) Integration steht Dorothea pro Tag eine spezielle Lehrerin zur Verfügung (hier leider nicht deutschsprachig). Im „kindergarden“ (Vorschuljahr) aber auch schon in der „preschool“ (deutscher Kindergarten, ab 3 Jahre)  werden den Kindern Kreativität, Erfindergeist und Eigenständigkeit vermittelt und ihr Selbstwertgefühl gestärkt, wie man es sich andernorts nur erträumen kann. Alles in allem natürlich auch Eigenschaften und Werte, die für das künftige „Überleben“ in dieser Welt später essentiell sein werden. Das diese „Förderung“ – hier kann scheinbar jedes Kind bei der Einschulung Lesen und Schreiben – ihre Schattenseite hat und mit einer artikulierten oder vermeintlichen Erwartungen und einem erheblichen Leistungsdruck einhergeht, zeigt die Tatsache, dass hier in der Gegend nicht nur Selbstmorde einzelner Schüler (vor allem High Schools), sonder ganze „Suicide Cluster“, untersucht werden.

Dorothea hat uns schon mehrere Geschäftsmodelle vorgestellt, wie sie sich ein Taschengeld verdienen will. Und sie hat es zusammen mit Caroline tatsächlich geschafft, über 70 der Practice-Golfbälle, die die beiden am Stanford Golfplatz gesammelt und danach geputzt haben, ohne kostenintensive Werbung gegen Kleingeld oder Legomodelle wieder an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Der Golfballhandel floriert also schon, obwohl wir die vielen Bälle zuhause schon gar nicht mehr sehen können. Zudem haben sie einen großen Teil der Ernte von Sheilas Apfelbaum mit der Hilfe von Sheila und unseren Nachbarskindern am Straßenrand verkauft – natürlich „organic, naturally grown (not even watered ;-)) & local“, das zieht bei den Einheimischen immer.

Hier ein aktueller Bericht auf Spiegel Online:

Schulen im Silicon Valley: Der Sternenhimmel ist das Ziel, nicht die Versetzung

Leben und Arbeiten im Silicon Valley: um Euch einen kleinen Einblick zu verschaffen, habe ich auf Spiegel Online (es gibt besser Quellen, ich weiß) exemplarisch ein paar Themen herausgepickt, die hier derzeit die Runde machen.

Schattenseiten des Silicon-Valley-Booms: Wenn der Lohn nicht fürs Essen reicht

Während Lebenshaltungskosten (Essen, Wohnnebenkosten) in etwa denen in Deutschland entsprechen, sind die Miet- und Kaufpreise für Immobilien erschreckend. Unser angemietetes Haus von ~1940, eigentlich das Grundstück in dieser Lage (<1000 m²) hat einen geschätzten Wert von >2M$. Wir zahlen noch merklich unter 4000$ Kaltmiet und haben damit einen wirklichen Glücksgriff gelandet.

Ebenso finden sich hier horrend überbewertete Startups und Unternehmen, deren Geschäftsgrundlagen teils auf unverifizierten wissenschaftlichen „Erkenntnissen“ oder sogar Hypothesen beruhen – das Risikokapital scheint hier auf der Straße zu liegen und wird auch investiert. Prominentestes Beispiel ist der milliardenschwere Startup Theranos:

Bluttest-Erfinderin Holmes: Der tiefe Fall der jungen Milliardärin

Doch auch für die künftigen Jahrzehnte ist gesorgt. Neben Hardewareunternehmen und neuen IT-Firmen hat vor allem die weitweite Autobranche das Silicon Valley für sich entdeckt. Die Gegend wird schon als DAS künftige Zentrum der Automobilentwicklung weltweit gehandelt (link). Es geht nicht um die multimediale Ausstattung von Fahrzeugen, sondern vielmehr um alternative Antriebstechnologien (eine persönliche Statistik zum Teslaanteil hier in der Gegend wird noch folgen), voll autonomes Fahren (und Fliegen) und Verkehrstechnologien im Allgemeinen. Die autonomen Google-Prototypen werden zwar in den Nachrichten noch immer belächelt, wenn sie wieder einen Bagatellschaden verursachen, aber darin wird die Zukunft liegen.

Hier zunächst etwas knapp zwei Artikel zu hiesigen Arbeitsbedingungen (letzterer beschäftigt sich mit einem Thema, das in Europa sicherliche auch von Relevanz ist).

Erste US-Stadt: San Francisco führt bezahlte Elternzeit ein

„I Look Like An Engineer“: #Aufschrei im Silicon Valley

[Benjamin Butz]

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